Dr. Helga Einsele
Lebensdaten
Dr. Helga Einsele, geb. Hackmann
09. Juni 1910 – 13. Februar 2005
Würdigung
Wolfgang Abendroth, der erste Marxist auf einem bundesdeutschen Lehrstuhl und Ziehvater der BRD-Linken, würdigte in seinem autobiographischen Gesprächsprotokoll „Ein Leben in der Arbeiterbewegung“ (Frankfurt/M. 1976) Einsele als „die hervorragende Spezialistin für einen humanen Strafvollzug“. Sie stand für Emanzipation, Humanisierung des Strafvollzugs und linke Politik jenseits der Parteiraison. Ihre Lebensgeschichte ist zugleich ein Zeitdokument, in dem die Geschichte des demokratischen Sozialismus in Deutschland, als Teil einer Jahrhundertbilanz, mit eingegangen ist.
Kindheit und Familie
In Dölau am 9. Juni 1910 geboren, wohnte Helga Einsele in den ersten Kinderjahren mit ihren Eltern Frieda und Dr. Friedrich Hackmann in der Kirchstraße 9 (heute Franz-Mehring-Straße). Registriert ist ihre Taufe in den Unterlagen der evangelischen Gemeinde Dölau am 01. September 1910.
Ihr Vater, der vom 01.10.1908 an den Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale unterrichtete, wurde durch den Kriegsdienst 1914 aus seiner Lehrtätigkeit herausgerissen. Als er am 01.10.1918 die Stelle als Direktor des Makensengymnasiums in Torgau übernehmen konnte, verlegte die vierköpfige Familie ihren Wohnsitz hierher. Bereits fünf Jahre später bot man dem Familienvater die Stelle eines Oberstudiendirektors am Johanneum Lüneburg an.
Dort besuchte sie wie ihre Schwester Erdmuthe (ebenfalls am 19.02.1913 in Dölau geboren) das Johanneum, eines der ältesten Gymnasien in Deutschland. Beide Mädchen sollten später in Hessen Karriere machen: Als Erdmuthe Falkenberg wurde die eine Leiterin des Landesjugendamtes Hessen, als Helga Einsele die andere Leiterin der hessischen Strafvollzugsanstalt für Frauen. Beide wurden bundesweit bekannt als Reformerinnen – des Jugendwohlfahrtsrechts bzw. des Strafvollzugsrechts.
Elternhaus und politische Prägung
Helga und Erdmuthe wuchsen in einem bürgerlich-demokratisch gesinnten Elternhaus auf. Ihre Mutter war schon sehr früh in der Frauen-Emanzipationsbewegung tätig. Der Vater war 1914 als konservativ-patriotischer Bürger in den Krieg gezogen und kehrte aus ihm als liberaler Republikaner zurück. Dahin hatte ihn nicht nur das im Krieg erlebte mörderische Grauen gebracht, sondern ebenso sehr der hierarchisch-bürokratische Stumpfsinn des Militärapparats. Friedrich Hackmann ließ an seinem Gymnasium stets die schwarz-rot-goldene Fahne hissen, gegen den Widerstand der Mehrheit seines Kollegiums, die auf Schwarz-Weiß-Rot standen. Hackmann wurde konsequenterweise als einer der ersten höheren Beamten 1933 von den Nazis in Lüneburg „aus dem Schuldienst entfernt“. Zu seinen Schülern gehörte übrigens ein späterer Oberbürgermeister Frankfurt am Mains: Werner Bockelmann.
Der Rausschmiss Friedrich Hackmanns wurde zusätzlich mit dem „linksradikalen Engagement“ seiner in Heidelberg studierenden Tochter Helga begründet.
Studium und USA
Helga Einsele sagt von sich, sie habe sich 1930, nach „Überwindung bürgerlicher Skrupel“, den sozialistischen Studentengruppen genähert und sei dann in die SPD eingetreten. Sie wurde Mitorganisatorin antifaschistischer Kundgebungen. Bei der Wahl zum Allgemeinen Studenten-Ausschuss kandidierte sie gegen den späteren NS-Reichsstudentenführer Gustav-Adolf Scheel.
1931 ging Helga Hackmann in die USA, interessiert allgemein am dortigen Strafvollzug und speziell an der Stellung von Frauen. Sie war mit ihrem späteren Mann, dem Biologen Wilhelm Einsele, nach New York gegangen. Der hatte ein Stipendium an der Columbia University erhalten; in New York heirateten die beiden. Helga schrieb in New York an ihrer Doktorarbeit, die von dem Nachfolger Radbruchs in Heidelberg, Engelhard, übernommen worden war. Als beide nach der „Machtergreifung“ nach Deutschland zurückkehrten, mussten sie sich mehr schlecht als recht durchschlagen, bis Wilhelm Einsele eine adäquate wissenschaftliche Tätigkeit aufnehmen konnte. Ihre Tochter Nele wurde 1941 in Berlin geboren, wo Eltern und Schwester lebten.
Frauengefängnis Preungesheim
Zurückgekehrt nach Deutschland, ernannte 1947 der legendäre Ministerpräsident des roten Hessens, Georg August Zinn, Helga Einsele zur Leiterin des Frauengefängnisses in Frankfurt-Preungesheim, wo sie 28 Jahre „Einblick hatte in schlimmes Lebenselend“, wie sie in ihren vor zehn Jahren erschienenen Memoiren „Mein Leben mit Frauen in Haft“ (Stuttgart 1995) schrieb.
Sie setzte es durch, dass die Zellen in einen menschenwürdigen Zustand gesetzt, vor allem erst einmal mit modernen hygienischen Einrichtungen ausgestattet wurden. Sie führte Therapie- und Selbsthilfegruppen im Gefängnis ein, lange bevor diese Ansätze breite Anerkennung fanden. Zu ihren Reformen gehörte, dass Beamte die Gefangenen nicht duzen und dass die Frauen normale Kleidung tragen durften; jede bekam außerdem eine für sie zuständige Sozialarbeiterin.
Durch eine niedrigere Rückfälligenquote erregte Einseles Ansatz überregional Aufmerksamkeit. Vorbildlich wirkte vor allem das von ihr institutionalisierte Mutter-Kind-Haus, mit dem sie vermied, dass Kleinkinder und eingesperrte Mütter auseinandergerissen wurden. Dabei musste sie zugleich heftigen, politisch-ideologisch fixierten Widerständen gegen diese Humanisierung des Strafvollzugs begegnen.
Doch es wurde ihr auch Hilfe bei ihrer Arbeit zuteil. Vor allem der damalige Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der unermüdlich bis zu seinem Tod für eine demokratische Justiz und die Verfolgung von Naziverbrechen kämpfte, stand ihr zur Seite. (Als juristische Kampfgefährtin des Initiators des berühmten Frankfurter Auschwitzprozesses überlieferte sie Bauers Ausspruch: „Wenn ich mein Büro verlasse, fühle ich mich wie im feindlichen Ausland.“)
SPD und politisches Engagement
Jenseits ihres Fachgebiets und Berufs war Einsele engagiert in den politischen Auseinandersetzungen der Republik. In Frankfurt trat sie erst 1953 wieder in die SPD ein, dann aber keineswegs beschränkt auf eine formale Mitgliedschaft.
Als im November 1959 in der Stadthalle von Bad Godesberg die SPD die Weichen für ihren weiteren Weg stellte, gab es 16 Stimmen gegen das dann so genannte „Godesberger Programm“, in dem erstmals von Sozialisierung und Arbeiterklasse nicht einmal mehr die Rede war – eine der Gegenstimmen kam von der Frankfurter Delegierten Einsele.
Anfang der sechziger Jahre wurde der SDS, aus dem die 68er-Bewegung hervorging, als zu linkslastig aus der SPD verdrängt. Einsele gehörte zusammen mit anderen undogmatischen Linken wie den Hochschullehrern Abendroth, Ossip K. Flechtheim oder Heydorn zu den Gründern der Sozialistischen Fördergemeinschaften für den SDS, auf welche die SPD mit Unvereinbarkeitsbeschluss und Parteiausschluss reagierte.
Einsele wirkte über ihren Beruf hinaus nach 1962 politisch weiter. So half sie französischen Deserteuren, die vor dem Einsatz in Algerien geflohen waren, unterstützte Ostermärsche und bemühte sich um die Demokratisierung des Rechtssystems.
Pensionierung und Ehrungen
Auch 1975, nach ihrer Pensionierung, verließ Einsele keineswegs die politische Bühne. Neben ihrer mehrjährigen Tätigkeit als Honorarprofessorin für Kriminologie an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und Fachautorin galt ihr weiterhin ungebrochenes Interesse einer weltweiten Friedenspolitik.
Als „demokratische Sozialistin“, so ihr Anspruch, beteiligte sie sich an den Auseinandersetzungen über die neuen Mittelstreckenraketen (SS-20 im Osten, Pershing-2 im Westen) Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. In Mutlangen bei der Pershing-Depotblockade (zusammen u. a. mit Heinrich Böll, Helmut Gollwitzer und Walter Jens) wurde die Siebzigjährige von der Polizei abgeführt.
1969 wurde sie erste Fritz-Bauer-Preisträgerin. Andere Ehrungen kamen hinzu: darunter 1976 der Humanitäre Preis der deutschen Freimaurer, die Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen, der Tony-Sender-Preis der Stadt Frankfurt 1992, und noch im März 2002 wurde sie an der Fachhochschule Potsdam als Vorkämpferin für einen humanisierten Strafvollzug in Deutschland geehrt.
Tod
Zu ihrem 80. Geburtstag hatte Helga Einsele sich für viele Lobreden, die mitunter wie Nachrufe zu Lebzeiten klangen, freundlich bedankt und dabei angemerkt: „Und nun will ich Ihnen noch etwas sehr Persönliches verraten.“ Pause. „Ich möchte“, sagte sie, „noch eine ganze Weile da sein. Denn ich bin neugierig, wie es weitergeht.“
Verschont von schweren Krankheiten, bis zuletzt geistig rege und nicht nur mit Leserbriefen noch die Öffentlichkeit suchend, starb Helga Einsele am 13.02.2005, 94-jährig, in einem Krankenhaus in Frankfurt am Main.
Veröffentlichungen
Veröffentlichungen:
- Frauen im Strafvollzug (zusammen mit Gisela Rothe), Rowohlt, Reinbek 1985, ISBN 3-499-14855-2
- Das Verbrechen, Verbrecher einzusperren. Helga Einsele antwortet Ernst Klee, Patmos-Verlag, Düsseldorf 1970
- Mein Leben mit Frauen in Haft, Quell-Verlag, Stuttgart 1994
- Die Reform der lebenslangen Freiheitsstrafe (mit J. Feige, H. Müller-Dietz), Ferdinand Enke Verlag 1972
- Frauen im Gefängnis (Hrsg. M. Dürkop, G. Hardtmann, mit Beiträgen u. a. von H. Einsele), Suhrkamp 1978
Quellen
Quellen:
1) Die Biografie stützt sich auf den Artikel von Günter Platzdasch und Heiner Halberstadt, „Aufrechter Gang und Eigen-Sinn: Helga Einsele“, Nachruf des Linksnet vom 8. März 2005
2) Taufregister der evangelischen Gemeinde Dölau
3) Heinz Brakemeier, „Die Arbeit Helga Einseles für die Humanisierung des Strafvollzugs“, in: Vorgänge Heft 6/1969, S. 217-219
4) freimaurer-wiki.de
Dank gilt Herrn Hermann Möller für weitere Informationen.
Bildquelle: Filmbericht „Strafvollzug und Reformbestrebungen in deutschen Gefängnissen“, Produktion: Reinhart Müller-Freienfels, Regie: Fritz Umgelter, 1956
