bei Halle an der Saale
Willkommen in Dölau
Geschichten von Dölau
Auf dieser Seite werden Geschichten, Überlieferungen und Tatsachen zu lesen sein. Gleichzeitig werden Sie neben Erlebnisberichten von Dölauer Einwohnern, auch Veröffentlichungen und Meinungen zu bestimmten Problemen finden. Heute geht es um ...
                                                                                           Bisher veröffentlicht: Bernd Wolfermann, Geschichte über die Entdeckung der Kohle in Dölau Bernd Wolfermann, Das erste buddhistische Haus von Deutschland in Dölau Günter Hübner, Unser Haus und die Bombe Dr. Jörg-Thomas Wissenbach, Die Geschichte von Dölau in den Dölauer Heften Bernd Wolfermann, Das Orts-Statut (Straßenreinigung) von Dölau aus dem Jahr 1908 Dr. Jörg-Thomas Wissenbach, Kleines Dorf mit viel Kirche Dr. Walter Müller, Führung über den Dölauer Friedhof (Videoaufzeichnung durch Bernd Wolfermann) Dr. Christian Richter, Der Architekt des Dölauer Krankenhauses Dr. Jörg-Thomas Wissenbach,  Dölauer Kleingartenvereine Bernd Wolfermann, Video vom Tag des Geotops in Dölau Jurina Augustin / Bernd Wolfermann - Eine Dölauer Schweinegeschichte (Juni 2018)   Günter Hübner, Erinnerungen (März 2019)                                                      Bernd Wolfermann, Ein Brief aus Holland (Mai 2019)                    
Villa Wentzel Dölau kann mit einer über tausendjährigen Geschichte seinen Gästen einiges berichten. Leider sind nicht alle Zeugnisse der Vergangenheit erhalten geblieben. Aber auch manch jüngeres Bauwerk hat eine interessante Geschichte und ist im Gedächtnis der Menschen erhalten geblieben. Eines der bekannten Häuser Dölaus ist die „Villa Wentzel“. Ihre Geschichte beginnt Anfang des 20.Jahrhunderts. Durch die reizvolle Lage an der Dölauer Heide und den im 19.Jahrhundert entstandenen Ausflugslokalen, pilgerten an den Wochenenden jener Zeit hunderte Bewohner Halles und der umliegenden Gemeinden nach Dölau. Entweder wanderten sie durch die Heide oder fuhren mit der seit 1896 existierenden Hettstedter Eisenbahn bis zur Haltestelle Heidebahnhof. Hier konnte man sich fern von der immer schlechter werdenden Luft der expandierenden Industriestadt Halle hervorragend erholen. Durch diese Vorzüge entstand bei vermögenden Familien das Interesse, den Wohnsitz an den Waldrand zu verlegen. Einer der Interessenten war der 1865 geborene Kaufmann Gustav Kreyenberg. Er erwarb zu Beginn des 20.Jahrhunderts ein Waldgrundstück unweit des Heidebahnhofes. Als er am 18.02.1903 beim Amtsvorsteher Henze in Dölau einen Bauantrag für ein Landhaus mit Stallgebäude einreichte, wurde dem zukünftigen Baugrundstück an der dort verlaufenden Wacholderstraße die Nummer 2 zugeordnet. Da schon am 15.04.1903 die Baugenehmigung von der Gemeinde erteilt wurde 1) , begann im selben Jahr die Bautätigkeit auf diesem Grundstück. Nach dem bisherigen Wissensstand ist davon auszugehen, dass noch Ende 1904 das Ehepaar Gustav und Margarete Kreyenberg geb. Hartmann in das Haus einzogen. Wer das Haus betritt, kann noch heute über dem Eingangsbogen die Initialen „GK“ entdecken, mit denen sich der Bauherr ein kleines Denkmal setzte. Das Haus war großzügig konzipiert und entsprach den damaligen Ansprüchen einer gutbürgerlichen Schicht. Vom teilweise mit Holz getäfelten Empfangsraum führte eine geschwungene hölzerne Treppe zu den oberen Gemächern. Parallel dazu existierte ein Versorgungstrackt mit separater Treppe für das Dienstpersonal. Gemeinsam lebte das Ehepaar bis zum Tod von Gustav Kreyenberg am 17.12.1927 2)  in dieser Villa.                                           Im Jahre 1928 beantragte die Witwe den Anschluss an das in Dölau entstandene Elektrizitätsnetz. 3)   Eine Wertermittlung im Jahr 1934 und der Verkauf eines Grundstückteils am 31.03.1935 3)  an den Dölauer Gärtner Wilhelm Brauer deuten darauf hin, dass es für Margarete Kreyenberg nicht einfach war als alleinstehende Frau Haus und Grundstück zu unterhalten. Unterlagen des Stadtarchives belegen den Umzug der Witwe nach Halle in die Barfüßerstraße 18/19 und den Verkauf des Grundstücks an den Oberamtmann Carl Wentzel aus Teutschenthal am 29.03.1941. 3)  Frau Margarete Kreyenberg verstarb am 22.10.1946 in Halle und wurde neben ihrem Mann auf dem Stadtgottesacker beigesetzt. 2) Mit dem 1876 in Brachwitz geborenen Carl Wentzel hatte einer der erfolgreichsten Agrar-Industrie-Unternehmer Deutschlands dieses Haus erworben. Der Erwerb des im Teutschenthaler Schloss wohnenden Carl Wentzel war nicht für die persönliche Nutzung gedacht, sondern als Wohnhaus für seine Schwester Margarete.      Margarete Nanni Elisabeth Wentzel  geboren am 06.05.1881 in Brachwitz, die jüngste Schwester von Carl Wenzel war von Pommern wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Als junge Frau heiratete sie den ältesten Sohn von Oberstleutnant Otto von Dewitz-Krebs Weitenhagen und Breitenfelde, Stephan Otto Karl Ferdinand (* Hannover 23.06.1874).  Sie lebte nach ihrer Heirat am 02.12.1902 8)   im pommerschen Weitenhagen, dessen Besitzer ihr Mann Stephan von Dewitz-Krebs 1909 wurde. Dieser erlag aber schon nach wenigen Jahren einem Lungenleiden am 17.06.1912 in Davos, ohne aus seiner Ehe mit Margarete Wentzel, Erben zu hinterlassen. 4)              Wie lange die Witwe im Norden Deutschlands lebte, konnte bisher nicht eindeutig festgestellt werden. Die Sehnsucht nach ihrer Heimat und der Familie war aber offensichtlich groß. So konnte sie das Angebot ihres Bruders, in das Haus der Dölauer Wacholderstraße 2 einzuziehen, jedenfalls nicht abschlagen.  Mit ihrer Haushälterin Fräulein Schumacher und einem angestellten Gärtner bewältigte sie die Pflege des Grundstückes und die Erhaltung des Hauses. Als ihr Angestellter wahrscheinlich Anfang 1942 zum Kriegsdienst eingezogen wurde, mussten die beiden Frauen das Leben im Haus allein meistern. 3) Eine schwierige und komplizierte Zeit trat im Sommer 1944 ein. Im Zusammenhang mit dem Attentat auf Adolf Hitler am 20.Juli 1944 durch Claus von Stauffenberg wurden Carl Wentzel am 30.07.1944 und seine Frau am 11.08.1944 verhaftet. Frau Dr. Eva Scherf schreibt in ihrem Buch „Aufstieg und Fall - Carl Wentzel und sein Agrarunternehmen“: „Die Sorge um die Zukunft treibt nicht nur Wentzel um, sondern auch andere und wird z.B. im Kreis um den Industriellen Paul Reusch diskutiert. … Zum Kreis gehören sechs Industrielle und sechs Landwirte, darunter Carl-Friedrich v. Siemens, Fritz Thyssen, Hjalmar Schacht und eben Carl Wentzel. … Das Teutschenthaler Schloss ist am 01.07.1937, 16.07.1938 und am 15.06.1942 ein solcher Treffpunkt. … Gelegentlich wird der Reusch-Kreis um weitere hochrangige Manager erweitert. Etwa um Karl Goerdeler, von 1930 bis 1937 Oberbürgermeister von Leipzig.“ Am 10.11.1943 erschien  Goerdeler während einer Gesellschaft in Teutschenthal und erläutert Wentzel und später weiteren Herren die geplanten Umsturzpläne. 5) Durch diese Unvorsichtigkeit und durch Informationen von Zuträgern und Neidern geraten diese Personen ins Visier der Gestapo (Geheime Staatspolizei). Es kommt nach dem Attentat zu einer Verhaftungswelle. Es ist zu vermuten, dass die Gestapo bei der Fahndung nach dem flüchtigen Goerdeler auch den Dölauer Besitz Wentzels in der Wacholderstraße 2 durchsucht hat. Seit dieser Zeit hält sich im Ort das Gerücht, dass Goerdeler sich in der Dölauer Villa einige Tage versteckt hätte. In einem Anhang zum Gerichtsurteil heißt es: „Carl Wentzel wird am 22.11.1944 vom Volksgerichtshof im Zusammenhang mit dem Anschlag auf Hitler zum Tode verurteilt und sein gesamter Besitz enteignet. Als Treuhänder für das beschlagnahmte Vermögen der Eheleute Wentzel habe ich den Landwirt Karl-Gustav Wendenburg, geb. 26.08.1907 in Wormsleben, wohnhaft in Seeburg, Schloß eingesetzt.“  6) Darunter fiel somit auch das Grundstück Wacholderstraße 2. Da Margarete von Dewitz-Krebs formell nur Mieterin im Haus des Bruders Carl Wentzel war, blieben ihr Unannehmlichkeiten erspart und sie konnte weiter in dem Haus wohnen. Es sollten nur noch wenige Monate des Krieges vergehen, bis die Westfront auch unseren Ort erreichte und die Amerikanische Armee  Dölau am 14.04.1945 besetzte. 7)  Am 03.05.1945 wurde auf Beschluss der amerikanischen Militärregierung Halle (unterzeichnet durch Julius F. Klinkowström) den Überlebenden der Familie Wentzel ihr Besitz und damit auch das Dölauer Grundstück zurückgegeben. Die Witwe von Carl Wentzel, Ella Wentzel hatte das Konzentrationslager Ravensbrück überlebt und konnte dieses am 31.03.1945 verlassen. 6) Das Leben in der Wentzelschen Villa änderte sich jedoch schon einige Monate später. Entsprechend dem Abkommen von Jalta (04.-11.02.1945) in dem die Siegermächte Deutschland aufgeteilt hatten, räumte die amerikanische Armee Ende Juni 1945 Dölau und am 1.Juli zog die Sowjetische Armee im Ort ein. Wegen fehlender Unterkünfte für Offiziere und Soldaten wurden in ausgewählten Häusern Armeeangehörige einquartiert. Frau von Dewitz-Krebs musste mit ihrer Wirtschafterin zeitweise bis 70 sowjetische Soldaten und Offiziere in dem Haus Unterkunft gewähren. Dieser Zustand zog sich fünf Monate hin. Mit der Verabschiedung der Verordnung über die Durchführung einer Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) im September 1945 kam es zur erneuten Enteignung der Familie Wentzel. Im Dezember zog Herr Walter Schumann, der ehemalige Gutsinspektor von Carl Wentzels Domäne Pfütztal mit seiner Familie in das Haus der Wacholderstraße 2 ein. Familie Schumann konnte Zimmer in der ersten Etage beziehen. Während in den obersten Räumen des Hauses bereits eine Familie Ritter wohnte, Frau von Dewitz-Krebs mit Frau Schumacher das Erdgeschoß nutzten, fand in den Räumen im Souterrain eine weitere Familie in diesen schwierigen Nachkriegsjahren eine Unterkunft. 9)   Offensichtlich hatte nach Aussage von Zeitzeugen Frau Margarete von Dewitz-Krebs versucht juristisch gegen die Enteignung des Grundstückes im Rahmen der Bodenreform vorzugehen. Dies gelang ihr nicht auf Dauer. Die Wirtschaft verlangte auf Grund der vielen Millionen Toten im 2.Weltkrieg nach Arbeitskräften. Während man in der Bundesrepublik diese Lücke mit Arbeitskräften aus Italien, Jugoslawien und anderen Ländern füllte, bildete man in der DDR verstärkt Frauen zu Fachkräften und Leitungskadern aus. Dazu mussten in allen Gemeinden und Städten Kindergärten für die Betreuung der Kinder von berufstätigen Eltern geschaffen werden. Als man in Dölau ein Gebäude für einen Kindergarten suchte, kam es zur erneuten Prüfung der Besitzverhältnisse Wacholderstraße 2 und das Haus ging in das Eigentum der Stadt Halle über. Diese begann im Juli 1951 mit der Installation einer Entwässerungsanlage für den geplanten Dölauer Kindergarten. 10)  Den Bewohner des Hauses wies man Wohnungen im Ort zu. Als letzte verließ Frau Margarete von Dewitz-Krebs 1952 das Haus in der Wacholderstraße 2 und zog in eine Wohnung im Nachtigallenweg. 9) Nach einigen Veränderungen, die für die Betreuung der Kinder notwendig waren, eröffnete noch 1952 der Kindergarten für die Betreuung von 80-100 Kindern. Diese Einrichtung sollte über 40 Jahre lang mehrere Dölauer Generationen betreuen und erziehen. Das Haus in der Wacholderstraße, die 1963 in Semmelweißstraße umbenannt wurde, war ein Begriff in Dölau. Die in der Kindheit hier verbrachten Tage sind noch heute bei vielen Frauen und Männern im Gedächtnis eingeprägt. Mit der Wiedervereinigung beider deutschen Staaten im Jahre 1990 kam es im Beitrittsgebiet der heutigen Bundesrepublik zu umfangreichen gesellschaftlichen Veränderungen. Durch die Schließung vieler Betriebe, verbunden mit den Massenentlassungen sank die Geburtenzahl deutlich ab. Der Bedarf an Kindergärtenplätzen sank und es kam zu Umstrukturierungen. Mit dieser Begründung meldete das Hallesche Tagesblatt Nr. 149 am 30.06.1993:           Nach Meinung des Ausschusses (Jugendhilfeausschuss der Stadtverordnetenversammlung Halle) sollten die Kindereinrichtungen in der Dölauer Semmelweißstraße und Heide-Nord VI noch bis 1995 offen gehalten werden. 11) Schon wenige Wochen später verkündete  dieselbe Zeitung die Schließung des Sozialpädagogischen Kindergartens Dölau II in der Virchowstraße für 1993 und die Schließung des Kindergartens in der Semmelweißstraße 2 im Jahr 1994. 12) Nach der Schließung des Kindergartens in der Semmelweißstraße zog  das Personal mit den zu betreuenden Kindern in das Gebäude der Virchowstraße 4 um. Im Zuge des Wiedervereinigungsvertrages wurde bereits ein Teil des Wentzelschen Besitzes (und  damit auch das Grundstück an der Semmelweißstraße)  an die Enkel von Carl Wentzel als Opfer des Faschismus zurückgegeben und 1991 traten die Gebrüder ihr Erbe an. 13)  Nach zeitweiser Eigennutzung durch Familienangehörige erfolgte eine Renovierung und anschließend die Vermietung des Hauses zu Wohnzwecken. Zum Schluss soll noch erwähnt werden, dass das Fernsehen die Villa in der Semmelweißstraße 2 für sich entdeckte. In einer Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks drehte die „Saxonia Media“ hier 2006 einen Teil des „Polizeiruf 110“ mit dem Titel „Schneewittchen“. Bernd Wolfermann, Juli 2019  mit freundlicher Genehmigung durch Carl-Niklas Wentzel Quellen: 1)   Stadtarchiv Halle (Saale), 1. Bauakte Bestandsnummer A 2.4. 2)   Archiv Stadtgottesacker Halle 3)    Stadtarchiv Halle (Saale), 3.Bauakte Bestandsnummer: A 6.1.DOE, Archivsignatur: A 6.1.DOE Nr.   1137 4)    Internetseite der Familie von Dewitz www.v-dewitz.de 5)    Dr. Eva Scherf, Aufstieg und Fall – Carl Wentzel und sein Agrarunternehmen, Hasenverlag  Halle/Saale 6)    Margarete von Dewitz-Krebs, Das Lebensbild eines deutschen Landwirtes 7)    Gisela Wissenbach, Geschichten aus Dölau, Dölauer Hefte Nr. 12, Schäfer Druck & Verlag GmbH,   S.15  Jürgen Mertens-Als der Krieg zu Ende war 8)    Hermann Etzrodt, Das Geschlecht Wentzel, 1937, Buch- und Kunstdruckerei Ernst Schneider Eisleben 9)    Gisela Wissenbach, Geschichten aus Dölau, Dölauer Hefte Nr. 12, Schäfer Druck & Verlag GmbH, S.52     Udo Schumann-Mein Vater war Wentzels Verwalter                                10)  Stadtarchiv Halle (Saale), Bestandsnummer: A 3.5 Archivsignatur: A3.5  Nr. 13109 11)  Hallesches Tageblatt Nr.149 vom 30.06.1993 12)  Hallesches Tageblatt Nr.157 vom 09.07.1993 13)  Lore Pfeiffer-Wentzel, „Ein recht mutiges Herz“ Mein Leben zwischen Willkür und Glück     Mitteldeutscher Verlag
Villa Wentzel , Semmelweißstraße 2                                         Foto: Bernd Wolfermann Initialen des Bauherren            Gustav Kreyenberg über dem Haupteingang des Hauses Foto: Bernd Wolfermann Foto: Bernd Wolfermann Margarete Nanni Elisabeth von Dewitz-Krebs geb. Wentzel   Aufnahme um 1900 8) Fasching des Kindergartens im Haus der Semmelweißstraße 2 Foto: Archiv Familie Haetge Vor dem Haus der Semmelweißstraße 2  während  der Nutzung als Kindergarten	 			Foto: Archiv Familie Haetge Foto: Bernd Wolfermann In eigener Sache In eigener Sache Termine Startseite Startseite Sehenswürdigkeiten des Ortes Sehenswürdigkeiten des Ortes Ortsgeschichte Dölau Ortsgeschichte Dölau DölauerInnen vorgestellt DölauerInnen vorgestellt Gästebuch Gästebuch Ereignisse Ereignisse Impressum Infos & Links Termine Infos & Links Zum Anfang dieser Seite Zum Anfang dieser Seite Dölauer Zeitung Impressum